Es war für mich ein Schock, den ich erstmal verdauen musste. Volker Beck wird also voraussichtlich nach 23 Jahren nicht mehr für die Grünen im Bundestag sitzen. Die Landesdelegiertenkonferenz (LDK) sprach sich deutlich gegen Volker auf einem sicheren Listenplatz für die Bundestagswahl 2017 aus. Roland Kaufhold schrieb auf den Ruhrbaronen, dass allen Beteiligten klar war, dass es so passieren würde. Gut, als Kommunalpolitiker, der die großen Shows auf Landes- und Bundesebene gerne meidet, gehe ich natürlich auch nicht wirklich als Beteiligter durch. Allerdings wollte ich wohl nicht wahrhaben, was einfach nicht wahr sein durfte.

Daher habe ich jetzt auch eine ziemlich lange Zeit gebraucht, meine Gefühle und Gedanken zu diesem Ereignis in Worte zu fassen. Volker selbst schrieb in einer sehr emotional und bisweilen aggressiv geführten Debatte auf der Facebook-Seite von Arndt Klocke: „Die Welt dreht sich weiter, ich kämpfe weiter. Lassen wir das einfach einmal alle so stehen und holen tief Luft.“ Ich bewundere Volkers Fähigkeit, bei allen Rück- und Tiefschlägen nach außen eine große Gelassenheit zu wahren und nicht nachzutreten. Diese Größe besitzen wenige Menschen. Erst recht wenige Politiker. Ich möchte an dieser Stelle auch nicht nachtreten. Auf der Landesliste der NRW-Grünen sind viele Parteifreund*innen, die großartige Arbeit im Bundestag machen (werden). Gar keine Frage. Ich bin kein großer Freund des in meinen Augen zu populistisch und ideenlos agierenden Friedrich Ostendorff, gegen den Volker im direkten Duell um den Listenplatz klar unterlag. Aber auch er hat in seiner Rolle als agrarpolitischer Sprecher letztlich trotz aller Kritik überzeugt.

Mir ist auch völlig klar, dass u.a. mit Sven Lehmann und Kai Gehring, die ich beide persönlich sehr mag und schätze, zwei ausgezeichnete LGBT-Politiker auf der Landesliste stehen. Volker Beck ist aber eben sehr viel mehr als das. Er hat einen klaren moralischen Kompass und diesen standhaft verteidigt, auch wenn der „grüne Mainstream“ (inkl. Sozialer Bewegungen) hier einen anderen Kurs fuhr. Er stand an der Seite der deutschen Juden und an der Seite des Staates Israel, als es innerhalb der grün-linken Politblase bestenfalls üblich war, den Kampf gegen Antisemitismus durch das jährliche Erscheinen auf Gedenkveranstaltungen am 9. November zu führen. Und er war willens und in der Lage, für die Rechte von Minderheiten und Unterdrückten in die Öffentlichkeit zu gehen und sich dabei massivsten Anfeindungen auszusetzen. Dies hat er immer wieder weit über die Belastungsgrenzen hinaus getan. Und tut es weiterhin. Er gönnt sich keine – oder jedenfalls nur sehr kleine – private Komfortzone. Er kämpft bis zur Selbstaufgabe für Menschen, die keine oder zu wenig Unterstützung in der Politik finden. In Bezug auf das Selbstverteidigungsrecht der Israelis auch massiv gegen die eigene Partei.

Ich schließe nicht aus, dass es für jedes Einzelthema einen würdigen Nachfolger geben wird. Aber Volker ist ein Visionär, der gleichzeitig ganz genau weiß, wie Realpolitik funktioniert und wie Ziele auch Schritt für Schritt umzusetzen sind. Er hat ein Gespür für das Richtige behalten, auch wenn die Partei sich auf der Suche nach Wähler*innenstimmen auf populistische Irrwege begeben hat. Er ist in der Lage, ein Thema so zu vertreten, dass plötzlich darüber auch außerhalb der eigenen Filter Bubble gesprochen wird. Weil er nie zugelassen hat, selbst in einer abgeschlossenen Filter Bubble zu sitzen. Etwas, das ich bei vielen Grünen in meinem Alter schmerzlich vermisse. Volker ist nicht nur ein großartiger Politiker, er ist als Persönlichkeit eine absolute Ausnahme-Erscheinung. Auch ein solcher Mensch hört irgendwann auf. Natürlich. Und die Welt dreht sich weiter. Aber sein Talent wird fehlen. Es fehlt seinen Nachfolgerinnen und Nachfolgern nicht am Willen (im Bezug auf Israel allerdings vielleicht z.T. sogar das), aber letztlich dann doch am Talent, wichtige Impulse auch außerhalb der eigenen Community zu setzen.

Dies soll kein politischer Nachruf sein. Volker wird bleiben. Aber die Grüne Bundestagsfraktion verliert eine ganz, ganz wichtige Stimme. Die Welt  dreht sich weiter, ja. Aber ohne Volker Beck im Bundestag vermutlich ein bisschen weniger in die richtige Richtung.

UPDATE 10.12.2016: Wolfgang (Rettich) wies mich netterweise darauf hin, dass die Nicht-Erwähnung von Ulle Schauws an dieser Stelle mindestens schade ist. Stimmt. Ulle kenne ich einfach nicht so gut wie Kai und Sven und daher hatte ich sie nicht ganz so auf dem Schirm. Aber Wolfgang hat natürlich recht. Ulle macht tolle Arbeit. Nicht nur, aber natürlich auch im LGBT-Bereich.

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